Der Feind

 

Sie dachte wirklich, dass sie ihm dieses Mal entkommen war. Der Umzug letzten November in ein neues Haus, von Heide nach Haffkrug war schließlich weit genug weg. Monatelang hatte sie ihn nicht gesehen. Auch als der Frühling kam und sie ihren prachtvollen Garten genoss – nichts. Karin hatte bereits erleichtert aufgeatmet. Zu früh, natürlich. Erst kam nur das ungute Gefühl – war da nicht etwas? Nein, doch nicht. Aber irgendwie konnte sie seine Anwesenheit spüren, auch wenn sie ihn nicht sah.

 

Kalt lief es ihr bei diesem Gedanken den Rücken herunter. Ihn ein für alle Mal los zu sein, hatte sie sich so sehr gewünscht. Mit Abscheu erinnerte sie sich an all die Jahre, die Erniedrigung, wie er sie auf die Knie gezwungen hatte, stundenlang. Auf dem Boden war sie gekrochen, die Hände oft wund, zu dem Schweiß hatten sich Tränen der Wut gemischt. Es war so aussichtslos gewesen, er war stärker als sie, so viel stärker. Hatte ihr das Leben zur Hölle gemacht, immer wieder, vor allem in Zeiten, in denen sie so glücklich hätte sein können. Noch immer träumte sie manchmal nachts von ihm. Dann war er einfach übermächtig, schlang sich um sie herum, fesselte und drückte sie, bis sie das Bewusstsein verlor.

Anfang April stellte sich dann heraus: Der Ortswechsel hatte nichts genützt. Erst war es nur sein widerwärtiger, süßlicher Geruch, den sie an einem der ersten lauen Frühlingsabende zu erahnen meinte. Eines Tages blickte sie aus dem Fenster und sah ihn – sofort stellten sich ihr vor Entsetzen die Nackenhaare auf. Was sollte sie nur tun? Ein erneuter Umzug kam nicht in Frage, sie hatte ihre Ersparnisse bereits beim letzten Mal aufgebraucht. Karin verschanzte sich in ihrem Haus, ging kaum noch vor die Tür. In ihren so heiß geliebten und sorgfältig gepflegten Garten traute sie sich kaum noch. Nur in ihrem Haus war sie sicher vor ihm, hier konnte er sie nicht aufspüren.

Sie beschloss, sich Rat bei einem Spezialisten zu holen. „Tja, da kann man wenig tun“, sagte ihr der kräftige Mann mit Wetter gegerbten Gesicht. „Von allein wird er kaum verschwinden. Es gibt da verschiedene Methoden, ihn zu entsorgen. Aber egal wie Sie sich auch immer entscheiden: Es wird nicht billig! Und eine Erfolgsgarantie kann ich Ihnen auch nicht geben.“ Verzweiflung machte sich in ihr breit, eine Hilflosigkeit, die sie fast lähmte.

In der folgenden Nacht träumte sie wieder von ihm, dieses Mal war es schlimmer als je zuvor. Er war bis an ihre Haustür vorgedrungen, drückte die schwere Holztür ein, als wäre sie aus Pappe. Dann fiel er über Karin her.

Schweißgebadet wachte sie auf. Ihr Herz klopfte und anstelle ihres Magens spürte sie eine eiskalte Kugel. Ohnmächtige Wut machte sich langsam in ihr breit und vertrieb die jahrelange Hilflosigkeit. Entschlossen stand sie auf, streifte hastig ein paar dicke Socken und ihren Bademantel über und schnappte sich eine Taschenlampe. Die Nachbarn waren im Urlaub, das wusste Karin. Als sie den Spaten aus der Garage nahm, zitterten ihre Hände noch. Doch ihre Finger schlossen sich immer fester um den Holzstiel. Plötzlich fühlte sie sich stark, nahezu unbesiegbar. Wo hatte sie ihn das letzte Mal gesehen? Dort bei dem Kirschlorbeer? Tatsächlich da war er. Ganz friedlich sah er im Schein des Halbmondes aus, sehr zart, fast schön. Aber es gab für Karin kein Zurück, zu lange hatte sie sich von ihm schikanieren lassen. Mit all ihrer Kraft stieß sie mit dem Spaten zu.

Die Dämmerung setzte bereits ein, als sie die letzten Stücke in schwarze Müllsäcke stopfte und diese zur Straße schleppte. Die körperliche Arbeit hatte ihr zugesetzt, doch innerlich fühlte sie sich wunderbar erleichtert. Zufrieden legte sie sich in ihr Bett und fiel augenblicklich in einen tiefen, ruhigen Schlaf. Vielleicht hatte sie ihn jetzt endlich besiegt, den ihr so verhassten Giersch.

Meerbusen

 

Ein ganz klein wenig schlaff war die Haut unter ihrem Bauchnabel noch. Da musste sie wohl die Anzahl der täglichen Sit-ups noch mal erhöhen, vielleicht auf 150 Wiederholungen. Und das Abendessen erstmal streichen, das wirkte bei ihr immer noch am besten. Allerdings konnte sie sich kaum vorstellen, dass irgendjemand ihren Bauch auch nur bemerkte, wenn sie ihren Bikini trug. Denn etwas höher saßen zwei pralle Rundungen, die sich üppig und ein wenig keck aus dem BH reckten. Voller Stolz strich sie mit ihren Mittelfingern von innen nach außen über die straffe, leicht gebräunte Haut ihrer Brüste, formte anschließend mit den Händen kleine Schalen und fühlte bewundernd die verheißungsvolle Schwere ihrer wunderschönen D-Körbchen. Die Narben waren mittlerweile verblasst und der schmerzhafte Druck der ersten Wochen hatte merklich nachgelassen. Sogar ein knappes Siebtel ihrer OP-Schulden hatte sie schon tilgen können. Zum Leben reichte ihr CTA-Gehalt so gerade eben, für Extravaganzen wie eine Schönheits-OP eigentlich nicht. Patricia musste nebenbei putzen gehen. Sie gönnte sich noch einen letzten Blick in den Spiegel, dann schlüpfte sie aus dem weißen Kittel und zog ihr T-Shirt über ihren Kopf.

Bestimmt würde es auch bald mit Sven wieder besser laufen, wo sie doch jetzt wieder so ein Hingucker war. Nachdem sie ihr zweites gemeinsames Baby abgestillt hatte, war von ihrem Busen nur noch ein kläglicher, ausgelutschter Rest übrig geblieben. Dabei hatten bei Sven damals vor allem ihre bombastischen Rundungen sein Interesse geweckt. Er stand nun mal auf den typischen Männertraum: lange Haare, große Oberweite. Genau so ein Typ war auch die hakennasige Saskia, mit der er sie betrogen hatte. Das fiese Miststück, wusste sie doch genau, dass Patricia mit rotzendem Kleinkind und ständig durstigem Säugling am tropfenden Milchbusen zu Hause saß. Trotzdem hatte Saskia sich in der Neustädter Disko Lokhaus an ihren Sven herangemacht. Patricia wusste ganz genau, dass Saskia angefangen hatte - auf den Tratsch am Spielplatzrand war Verlass. Patricia hatte damals ihren Freund gezwungen, diese peinliche Affäre zu beenden. Noch einmal würde ihr das nicht passieren. Und so, wie sie jetzt aussah, hatte Sven ja wohl keinen Grund, sich jemals wieder für die blöde Schnepfe zu interessieren.

Den neuen Hit von Lily Allen vor sich hin summend machte Patricia sich nach ihrer Schicht im Neustädter Klinikum auf den Heimweg in ihre kleine Wohnung nach Pelzerhaken. Die paar Kilometer radelte sie meist, anstatt den Bus zu nehmen. Sie genoss dabei die frische Luft und den Blick auf die Ostsee. Sven war heute Zuhause geblieben, ihm war übel gewesen. Sie hielt noch kurz bei Nahkauf Schlüter an und besorgte ihm Salzstangen und Cola.

Als sie zu Hause die Tür aufschloss, stand ihre Nachbarin zwischen Küche und Wohnzimmer. „Ich brauche nur etwas Zucker, und da habe ich ...“ stammelte Anke. Patricia bemerkte erstaunt die weit aufgerissenen Augen, da tönte auch schon Svens Stimme aus dem Schlafzimmer: „Komm´doch noch mal zu mir, Du kleine, geile Schnecke. Eine schnelle Nummer kriegst Du von mir noch, bis Patti wieder da ist...“

„Der Witz war aber wirklich nicht besonders gut“, dachte Patricia noch. Dann bemerkte sie, dass Ankes flache Brust irgendwie hektisch bebte. Dazu wirkte sie verschwitzt und außer Atem. „Tut mir echt leid“, flüsterte die Nachbarin, drückte sich an ihr vorbei und eilte aus der Haustür die Treppe runter. Patricia wurde blass. Ihre Knie gaben nach, sie lehnte sich gegen die Wand und rutschte langsam hinunter, bis sie auf dem Laminat saß. Dann stand Sven vor ihr. „Ach Du Scheiße ….“, hörte sie ihn noch sagen. An viel mehr konnte sie sich später nicht erinnern.

Wie in Trance war sie bei ihrer Mutter untergekommen und hatte mit ihren Kindern dort abgewartet, bis Sven eine neue Wohnung gefunden hatte und ausgezogen war. So eine miese Nummer. Und dann auch noch mit Anke, dieser dürren Bio-Schlampe. Kein Speck auf den Rippen und schon gar keine Kurven. Jedes Mal, wenn sie ihrer Nachbarin über den Weg lief, nervte es Patricia wieder, dass Sven sie ausgerechnet mit diesem BMW betrogen hatte. Die Abkürzung für „Brett-mit-Warzen“ hatte sie einmal abends auf dem Spielplatz nahe des DLRG-Turms aufgeschnappt, als Jugendliche über eine flachbrüstige Schulkameradin herzogen.

Erst im folgenden Sommer hatte Patricia sich so weit gefasst, dass sie überhaupt wieder einen Mann ansehen konnte. Und dann traf ein Blick aus zwei Ostsee-blauen Augen sie mitten ins Herz. Heiko war Physiotherapeut. Er arbeitet in dem Kurzentrum, wo Patricia immer noch putzen ging. Auch wenn Sven aus ihrem Leben verschwunden war, ihre Schulden hatte sie noch. Ihren tollen Busen aber auch. Seit ein paar Wochen war es wieder warm genug, dass Patricia in figurbetonenden Tops zur ihrem Nebenjob im Mutter-Kind-Kurhaus erscheinen konnte. Sie achtete dabei sehr darauf, immer in der Nähe zu feudeln, wenn Heiko seine Patientinnen aus dem Behandlungsraum brachte. Ab und zu ergab sich so ein Gespräch mit ihm.

Eines Nachmittags traf sie ihn zufällig am Strand. Ein Kamerateam hatte sich aufgebaut, um die letzten Folgen der Serie „Küstenwache“ abzudrehen. Während Manou Lubowski als Kapitän Thure Sander von einem Beiboot aus einen Fischkutter anschrie, versammelten sich die Schaulustigen am Ufer. Darunter war auch Heiko.

„Hey, schön Dich zu sehen“, begrüßte er sie mit warmer Stimme und drückte sie spontan an seine durchtrainierte Brust. Sie schloss kurz ihre Augen und genoss die körperliche Nähe zu ihm. Hmmm, roch der gut. Irgendwie nach Sonne, Salzwasser und einem Hauch Davidoff. Viel zu früh löste er seine Umarmung und sah sie an.

„Und, was machst Du hier, beim Drehen zugucken?“, fragte er sie.

„Tja, eigentlich wollte ich nur etwas spazieren gehen ….“, stammelte sie mit klopfendem Herzen. Es war ihr peinlich, sich als Schaulustige zu outen. „Und selbst...?“

„Strandpatrouille“, erwiderte er mit gespielt ernster Miene. „Neulich hat sich ein achtjähriges Mädchen schwer verletzt“, erklärte Heiko. „Weißt Du, die Nazis haben kurz vor Kriegsende jede Menge Munition im Meer versenkt. Darunter auch Brandbomben mit Phosphor. Das wird jetzt in kleinen Brocken vor allem an der Ostseeküste an den Strand gespült und sieht aus wie Bernstein. Steckt man sich den angeblichen Stein in die Hosentasche und er trocknet, entzündet er sich. Das Mädel bekam fiese Wunden und hat nur knapp überlebt.“

„Und Du meinst, dass es hier auch solche Phosphor-Klumpen gibt?“ fragte Patricia.

„Tja, kann man halt nie wissen“, meinte Heiko. „Aber wenn ich frei habe und sowieso am Strand bin, gucke ich halt mal. Wäre doch fies, wenn die Lütten aus dem Kurheim sich verbrennen. Über Hilfe freue ich mich natürlich immer“, sagte er und grinste sie breit an.

Also schlenderten die beiden mit nach unten gerichtetem Blick am Strand entlang, redeten über Gott und die Welt und fanden keinen einzigen Bernstein. Phosphor-Klumpen auch nicht. Anschließend lud Heiko Patricia auf einen Drink in das kleinen Café bei der Surfschule ein. Sie kuschelten sich in einen Strandkorb, beobachteten die bunten Segel auf dem Wasser und fühlten sich geschützt durch das Korbgeflecht wie in ihrer eigenen kleinen Welt. Die Surfer kehrten schließlich nach und nach zurück, verstauten ihre Segel und Bretter und hängten die Neopren-Anzüge auf. Als eine leichte Brise aufkam und sich auf Patricias nackten Armen eine Gänsehaut bildete, nahm Heiko ihre Hand und begleitete sie in ihre Wohnung.

Beschwingt radelte Patricia drei Tage später zum Putzen. So sehr hatte sie sich noch nie auf die Arbeit gefreut. Heiko hatte sich zwar noch nicht bei ihr gemeldet, aber vielleicht war er schüchtern. Außerdem wusste er ja, dass sie beide sich spätestens bei der Arbeit wieder begegnen würden. Patricia malte sich schon mal ihr Wiedersehen aus: Er kommt aus der Therapiekabine, sie steht auf dem Flur, mit dem Rücken zu ihm, scheinbar in die Arbeit vertieft. Er würde vielleicht leise auf sie zu gehen, ihr von hinten die Hände auf ihre Hüften legen und ihr ein zärtliches „Hallo“ ins Ohr flüstern. Genau so zärtlich, wie er während ihrer Liebesnacht mit ihr gesprochen hatte … Vielleicht würden sie heute Abend gemeinsam bei dem Griechen schräg gegenüber des Kurheims essen gehen? Patricia war extra früh aufgestanden, um sich die Haare zu föhnen, hatte sich vier Mal umgezogen und konnte es kaum abwarten, Heiko endlich wieder zu sehen. Wie lange sie ihre Verliebtheit vor den Kollegen im Kurheim wohl geheim halten konnte? Vielleicht würde sie Anna davon erzählen. Anna war vor zehn Tagen aus Dortmund zur Mutter-Kind-Kur nach Pelzerhaken gekommen. Die beiden plauderten manchmal, wenn Patricia mit ihrem Zimmer fertig war. Auch Anna war von ihrem Lebensgefährten hintergangen und verlassen worden. Sie hatte einen Nervenzusammenbruch erlitten und sollte sich nun an der Ostsee erholen. Sie war Patricia schnell sympathisch geworden und die beiden hatten sich auch schon mal am Neustädter Hafen auf einen Kaffee getroffen. Dem waren ein paar Gläser Prosecco gefolgt und die beiden Frauen hatten voller Verständnis für die jeweils andere mehrere Stunden gequasselt, gekichert und sich über das andere Geschlecht beschwert.

Ganz in ihre verliebt-verheißungsvollen Gedanken an Heiko vertieft, überquerte Patricia den Seebrückenvorplatz. Plötzlich lief ihr ein Malteser-Pudel vor das Fahrrad und seine Leine vertüddelte sich in ihrer Pedale. Patricia stoppte abrupt. Als sie ihr Rad wieder befreit hatte, blickte sie auf und ihr Herz begann zu hüpfen wie die Teenies beim Justin-Biber-Konzert. Heiko stand dort! Vor dem kleinen Souveniershop am Drehständer mit dem Bernsteinschmuck, keine zehn von ihr entfernt. Breit grinsend eilte Patricia auf ihn zu, als er einen Schritt zur Seite machte und – den Blick auf Anna freigab. Sie stand dort mit leicht geröteten Wangen. Patricia verstand erstmal gar nichts. Fand die Physiotherapie jetzt auch außerhalb des Kurheims statt? Da fiel ihr Blick auf Heikos Hand, die eindeutig auf Annas Po lag. Annas flache Brust hob und senkte sich aufgeregt. Ihre Augen hatten den gleichen verliebten Glanz, der bis vor ein paar Minuten noch in Patricias Gesicht geleuchtet hatte. In dieser Sekunde erlosch der Glanz und verwandelte sich in ein hartes, kaltes Starren. „Du fiese Miesmuschel!“ brüllte sie Anna an. Dann raste sie davon.

Patricia schäumte vor Wut. Was bildete sich diese Frau eigentlich ein? Erst tat sie so, als wäre sie ihre Freundin, dann versuchte sie, ihr den Mann zu stehlen? Und das, obwohl sie höchstens Körbchengröße B besaß? Ernsthaft jetzt, schon wieder so eine Hühnerbrust? Bezirzte Heiko mit ihren kleinen Dingern, während Patricia eine teure OP und fiese Schmerzen auf sich genommen hatte, um endlich eine Figur zu bekommen, mit der sie einen Mann bei sich halten konnte. Immer noch rutschte sie auf ihren Knien herum und putzte die Böden, die diese Weibsbilder samt ihrer schnodderigen Gören dreckig machten. Nur, damit Patricia ihren Kredit bei der Schönheitsklinik abbezahlen konnte. Heiko fand diese Anna also attraktiv? Nun, das ließe sich bestimmt ändern. Ihr Gespräch am Strand kam Patricia wieder in den Sinn. „Das Mädel bekam fiese Brandwunden und hat nur knapp überlebt ...“

Wie kann man nur so doof sein und sich irgendeinen Klumpen in die Tasche stecken. Vor allem die Nordrhein-Westfalen hielten immer alles, was gelblich aussah, für Bernstein. Denen konnte man einen ausgespuckten Kaugummi mit Orangengeschmack andrehen und sie würden ihn sich um den Hals hängen. Um den Hals … ins Dekolleté …

Als chemisch-technische Assistentin hatte sie natürlich Möglichkeiten, sich über das Labor der Phosphor zu beschaffen. Am nächsten Tag suchte sie im „Materialien-Handbuch Chemie“ nach weiteren Details: „Trocknet weißer Phosphor, kommt es zu einer Selbstentzündung und er wird in Flammen aufgehen. Phosphor brennt mit einer 1.300°C heißen Flamme, die sehr schwere Verbrennungen hervorrufen kann ...“

Drei Tage später besuchte sie Anna in ihrem Zimmer. „Tut mir echt leid, dass ich neulich so krass reagiert habe“, säuselte Patricia. „Mir tut's auch echt leid“, antwortete Anna. „Ich konnte doch nicht wissen, dass Heiko dir etwas bedeutet! Wir hatten schon seit meiner Ankunft hier heftig miteinander geflirtet. Wie hätte ich da ahnen können, dass er und du ...“

„Schon vergeben und vergessen“, erwiderte Patricia. „Und ich habe dir zur Versöhnung sogar etwas mitgebracht. Stell Dich doch mal vor den Spiegel und mach kurz die Augen zu!“

Vorsichtig zog Patricia den Phosphor-Klumpen an dem stabilen Lederband hervor und entfernte das feuchte Tuch, in das sie ihn eingewickelt hatte. Sie stellte sich hinter Anna und hängte ihr den gelblichen Anhänger um den Hals. Sorgfältig verschloss sie das Band mit drei festen Knoten. Dann teilte sie noch Annas langen Haare und drapierte sie rechts und links auf ihren mickrigen Brüsten. „Und jetzt – Augen auf! Ein kleines Geschenk für Dich.“

„Bernstein“, hauchte Anna. „Wie hübsch ...“

Patricia zwinkerte ihr noch einmal zu, ging aus dem Zimmer und schwang sich draußen auf ihr Fahrrad. Als der Krankenwagen ihr entgegen kam, hatte sie schon vier Kilometer auf dem Radweg an der Küste hinter sich gelassen.

 

Der Märchenapfel

 

Prall und glänzend stachen sie ins Auge. Das satte Rot bildete einen starken Kontrast zu den grünen Blättern. Sie wirkten so süß, so saftig, dass Henriette ihnen kaum widerstehen konnte. Einmal hatte sie bereits versucht, eine der verbotenen Früchte zu pflücken. „Nimm Deine dreckigen Pfoten weg!“, hatte der komische Kauz von nebenan sie angeschrien. „Die Äpfel sind tabu! Wage es ja nicht… Es würde ein böses Ende nehmen!“, drohte er ihr mit krächzende Stimme. Sein dürrer grauer Bart zitterte vor Wut, wie Rumpelstilzchen stapfte er mit den Füßen auf. Eigentlich waren seine Äpfel ihr ja egal. Soll er doch daran verrecken…

Der nächste Tag war wunderbar sonnig und mild, Goldener Oktober wie aus dem Bilderbuch. Henriette kam erschöpft von der Arbeit nach Hause, legte sich ins Gras und genoss die selten gewordenen Sonnenstrahlen. Hunger machte sich in ihr breit, nein, es war eher Appetit. Auf etwas frisches, säuerliches, saftig und dennoch festes… Durch die Blätter tanzten ein paar Sonnenstrahlen auf Nachbars Äpfeln. Jetzt in so ein rotes Prachtstück hinein zu beißen, das wäre das Paradies auf Erden… Hm, das hatten schon ganz andere Leute vor ihr gedacht, kicherte sie. Aber schließlich befand sie sich nicht im alten Testament, sondern in Plön. Rumpelstilzchen war nirgendwo zu sehen und Zurückhaltung war noch nie ihre Stärke.

Der erste Biss war einfach göttlich: krachend, gefolgt von süßen Tropfen, die über ihr Kinn rannen. Genießerisch schloss sie die Augen, zermahlte das feste Fruchtfleisch zwischen ihren Zähnen, saugte den Saft ein und gab sich dem puren Apfelglück hin.

Der zweite Biss hätte sie beinahe getötet. Zu groß war ihre Gier gewesen, ein harter Brocken klemmte sich in ihre Kehle und ließ sie fast ersticken. Sie stürmte ins Haus, prustete und würgte und konnte das garstige Stück endlich in die Toilette spucken. Zitternd holte sie Luft und spülte sich den Mund aus. Als sie aufblickte, sah sie direkt in ihr Spiegelbild. Ihr stockte der Atem. Ihr sonst mausbraunes Haar glänzte auf einmal seidig schwarz. Ihre Haut war makellos rein, ein heller Alabasterton, der den perfekten Untergrund zu ihren rosigen Wangen bildete. Blutrot und sinnlich wölbten ihre Lippen sich hervor, wie ein sündiges Versprechen. „Der Apfel – ich sehe aus wie Schneewittchen!“ schoss ihr durch den Kopf. Aber wie konnte das sein? „Egal, ich bin schön“, befand sie.

An diesem Abend ging sie aus und fand sich selbst einfach unwiderstehlich. Alle schienen ihr zu Füßen zu liegen, neidische Blicke feuerten sie nur zusätzlich an. Trotzdem ging sie später allein nach Hause, noch wollte sie ihr neues, perfektes Ich mit niemandem teilen.

Am nächsten Morgen traute sie sich kaum, in den Spiegel zu blicken. War vielleicht alles nur ein Traum gewesen? Nein, Schneewittchen strahlte ihr immer noch entgegen. Sie nahm sich frei, zog durch Lübecks bessere Boutiquen und machte es sich anschließend zum Lunch auf der Sonnenterrasse des L'Osteria an der Untertrave gemütlich. Der Tag war sogar noch wärmer als der gestrige. Entspannt lehnte sie sich zurück, schloss die Augen und genoss wieder die Sonne.

„Ist alles in Ordnung?“, weckte sie die besorgte Stimme des Kellners. „Bestens“, murmelte sie verträumt, wahrscheinlich wollte auch er sie nur näher kennen lernen. Da fiel ihr Blick auf ihre Hände. Entsetzt schrie sie auf. Die Haut hatte sich bräunlich verfärbt. Ihre Arme sahen genau so schlimm aus, vorsichtig schob sie ihr Hosenbein hoch – auch an den Beinen hatte hässliche braune Flecken auf gelblicher Haut.

Verstört hetzte sie aus dem Lokal und fuhr nach Hause. Während der Fahrt im heißen Auto wurde es noch schlimmer. Ihre Haut begann jetzt zu schrumpeln, mit jedem Kilometer wurden die Falten tiefer. Wie ein hässlicher alter Apfel… Rumpelstilzchen! Was hatte er ihr bloß angetan?

Sie parkte ihren Wagen und rannte zu seinem Haus. Sie hämmerte an die Tür, nichts. Die Äpfel – sie musste schnell wieder einen essen. Das würde ihre Schönheit zurück bringen! Im Garten stand Rumpelstilzchen. „Ich sagte es Dir doch. Du wolltest ja nicht auf mich hören“, krächzte er boshaft. Henriette sah ihn nicht einmal an, die Äpfel, wo waren die Äpfel? Aber der Baum war leer. Mit seiner Harke kratzte Rumpelstilzchen einen hässlichen, matschigen Haufen verfaulter Früchte zusammen. Henriette wurde übel von ihrem Geruch. Sie sah auf ihre Hände. Braune, schrumpelige Brocken, die immer kleiner wurden. Ihr wurde schwarz vor Augen.

Die Entführung aus dem Salon

 

Stolz saß Stefania auf ihrem edlen, ganz im Antik-Look gehaltenen Ledersofa und betrachtete ihre Schätze. Das kräftige Sonnenlicht des späten Vormittages tanzte durch ihren Salon im Ostflügel und spiegelte sich überall dort, wo es glänzende Oberflächen berührte. Zum Beispiel feinstes Blattgold.

Eigentlich gefiel ihr alles, was teuer und kostbar war und auch danach aussah. Eine besondere Leidenschaft hegte sie aber für Ming Vasen. Sie wurde einfach nicht müde, ihre wunderbaren Formen und die feinen Muster zu bestaunen. Jede einzelne Vase war eine Kostbarkeit. Nicht nur ihr materieller Wert, der natürlich immens hoch war, auch der persönliche. Hinter jedem Stück stand eine Geschichte, und wenn Stefania ihre Schätze ansah, schienen diese ihr Anekdoten aus der Vergangenheit zu flüstern.

„Weißt Du noch, als wir alle zusammen ...“ „Damals, bei dem großen Fest ...“ Wie fröhliches Kichern klang es, wenn Stefania ihre Augen schloss und sich an die wunderbaren Szenen erinnerte. Einige ihrer Bekannten mochten ihren Salon für etwas überfüllt halten, aber Stefania war noch nie eine Freundin von Minimalismus gewesen. Wozu auch, es machte einfach zu viel Spaß, eine edle Kostbarkeit aufzustöbern und in ihren Besitz zu bringen. Berauschend, wenn sie ein besonders seltene Vase nach Hause brachte und den perfekten Standort für sie fand.

Zum Glück hatte sie die nötigen finanziellen Mittel. Ihre Eltern hatten rechtzeitig dafür gesorgt, dass es Stefania an nichts mangelte. So musste sie sich auch nicht mit niederer Arbeit die Hände schmutzig machen und konnte sich ganz ihrer wundervollen Kunstsammlung widmen.

Natürlich zog das auch Neider mit sich, das lag leider in der menschlichen Natur. Vor allem die gierige Verwandtschaft versuchte immer wieder, ihr das ein oder andere gute Stück abzuluchsen. Mal forderten sie sie ganz offen dazu auf, ihnen etwas zu geben. Dann streckten sie immer öfter hinter ihrem Rücken ihre gierigen Finger nach ihren Schätzen aus, die verlogenen Diebe. „Es wäre nur zu Deinem Wohl“, heuchelten sie. „Klar, und zu Deiner persönlichen Bereicherung!“ keifte Stefania zurück. Sie musste vorsichtig sein.

Leider konnte sie auch ihren Freunden kaum noch trauen. Die meisten lebten unglücklicherweise nicht in so wohlhabenden Verhältnissen wie sie selbst. Einmal hatte die eine Freundin sie zum Kaffee eingeladen, während die andere einen Teil ihrer Reichtümer fortgeschafft hatte. Stefanie war außer sich gewesen und hatte beiden die Freundschaft gekündigt. Das Misstrauen machte sie sehr einsam.

Es klingelte. Das Dienstmädchen war wohl grade Besorgungen machen, also öffnete sie selbst die Tür. Ihre lästige Tante, die gierigste von allen, stand dort, in Begleitung zweier Unbekannter. Die beiden Männer packten sie und trugen sie raus.

„Hilfe“, schrie sie noch, aber ihre Leibwächter ließen sich nicht blicken. Sie schlug um sich, versuchte sich zu befreien und ihre eigene Entführung zu verhindern. „Es tut mir so leid, mein Schatz“, raunte die Tante noch.

Bereits am nächsten Tag standen Männer in weißer Schutzkleidung im Salon.

„Igitt, wie kann ein so hübsches Ding nur in so einer widerlichen Drecksbutze hausen?“ motzte der eine. „Alles voll leerer Flaschen und Alufolie, was soll das?“

„Nun lass´ma gut sein“, brummte der andere. „Habe ihre Eltern gekannt. Ham´sich vor zwei Jahren mit ihrem alten Opel tot gefahren. Hat die Lütte wohl nicht so verkraftet. Erst konnte sie nicht mehr arbeiten, dann hat´se in Hartz IV gemacht. Nu bleibt sie erst mal in der Klappse und wir räumen hier auf.“

Wie Freunde, fast

 

Der Nebel lichtete sich. Die eisige Kälte, die Nunga noch bei Anbruch des Aufstiegs zittern ließ, wurde langsam von den ersten Sonnenstrahlen des Tages vertrieben. Der Bergführer vor ihm – barfuß wie er selbst – kaute einen Strang getrocknetes Rinderfleisch. Nunga senkte seinen Blick, zu sehr befürchtete er, dass die Gier und der Hunger ihm ins Gesicht geschrieben standen. „Noch ein paar hundert Meter“, rief der Führer ihm zu, „dann sollten wir sie antreffen.“

Und wirklich – nach einem letzten steilen Anstieg sah Nungo, wie der üppige Farn sich teilte. Ein stattlicher Gorilla, ein Silberrücken, setzte sich langsam auf. Stolz und mächtig wirkte er allein schon durch seine Größe, und trotzdem blickten seine Augen so sanft und friedlich in die Welt. Sein Blick glitt zu einem jungen Affen herüber, der munter durch das Gras tollte. Mit einem lebhaften Sprung trollte er sich zu seiner Mutter, schmiegte sich an sie. Das Weibchen nahm sein Junges gelassen auf den Schoß, während sie an einem Zweig kaute.

‚Was für eine Kindheit’, dachte Nungo, ‚sorglos und frei.’ Ganz anders als das Leben, das er seiner Familie bieten konnte. Die beiden Jungs froren nachts auf dem nackten Boden der Hütte, seiner Tochter fehlten mit vier Jahren bereits zwei Zähne und das Baby weinte viel, weil die Milch seiner hungrigen Mutter dünn und nährstoffarm war.

Jetzt stand die Gorillamutter auf und ein weiteres Junges kam zum Vorschein. Fasziniert betrachtete Nungo seinen wachen, neugierigen Blick. Sein ganzes Leben hatte es noch vor sich, war gespannt auf die Welt und ihre Wunder.

‚Wie ähnlich sie uns Menschen sind’, dachte Nunga. Langsam und vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen, die geschmeidigen Bewegungen der Gorillas nachahmend näherte er sich ihnen.

Seit fünf Wochen nahm er jeden zweiten Tag den anstrengenden Aufstieg auf sich, um die seltenen Tiere an sich zu gewöhnen. Allmählich wuchs das Vertrauen zwischen ihm und der Silberrücken-Familie. Er konnte sich bereits zu ihnen setzen, manchmal sogar ihr Fell berühren. Diese Momente waren etwas ganz Besonderes für ihn, Lichtblicke in seinem trüben Leben. ‚Sie sind wie meine Freunde’, dachte er, ‚fast.’

Heute schien sein Glückstag zu sein – das Weibchen kam von sich aus auf ihn zu, betrachtete ihn mit ruhigen, dunklen Augen. Er streckte seine Hand aus, berührte ihr weiches Fell. Sie ließ es geschehen.

„Heute ist wirklich mein Glückstag“, sagte er leise zu sich, während seine Hand langsam und unauffällig das dünne Drahtseil aus der Tasche zog. „Du warst so eine gute Mutter“, flüsterte er dem Weibchen ins Ohr, als er die Schlinge um ihren Hals legte. Während er sie fest zuzog malte er sich bereits aus, was er von dem Schwarzmarktpreis alles für seine Familie würde kaufen können.

 

Der Dieb

 

Leise schlich Robin vom dunklen Flur in das Wohnzimmer. Da stand er, prachtvoll geschmückt mit Kugeln und allerlei Glitzerkram: ein Tannenbaum, der bei den heutigen Preisen sicher allein schon 90 Euro gekostet hatte. Doch Robin hatte nur Augen für den Berg Geschenke, der sich unter den Zweigen auftürmte. Zu der Familie gehörte nur ein Sohn, das wusste er. Trotzdem sah es hier aus wie in der Spielzeugabteilung von Karstadt. Zügig griff er sich fünf Pakete heraus, steckte sie in seinen Sack. Die Idee mit dem Weihnachstmannkostüm fand er genial – nie im Leben würde er auf der Straße verdächtigt werden, auf Raubzug zu sein, alle sahen in ihm nur den freundlichen Geschenkegeber mit dem weißen Bart. Der Familiengottesdienst der Christuskirche hatte gerade begonnen, Robin blieb also noch eine gute Stunde Zeit, bis die Einfelder wieder in ihre prächtigen Häuser zurückkehrten. Im Weihnachtsstress vergaßen so einige, ihre Alarmanlagen einzuschalten – das machte ihm die Arbeit leichter.

Er besuchte noch sechs weitere Häuser rund um den Einfelder See. Die Ausbeute war in jedem Fall reichlich gewesen. Leute am heiligen Abend, dem beliebtesten Tag der christlichen Kirche, zu berauben, ließ sogar viele seiner hartgesottenen Kollegen die Nase rümpfen. Sie sprachen von Moral und Anstand, was bei einem professionellen Einbrecher ja von vornherein ein Widerspruch war. Nun gut, sollten sie, er hatte seine Gründe.

 

Dennis kam an diesem Abend aus dem Staunen nicht mehr heraus. Der Neunjährige hatte sich nichts sehnlicher gewünscht als die Batman-Dark-Knight-Movie-Master-Deluxe-Actionfigur. Manchmal, wenn die anderen Kinder schon schliefen, hatte er sogar zum Lieben Gott gebetet, ganz leise natürlich. Das letzte tolle Geschenk, an das er sich erinnern konnte, war ein Fahrrad gewesen, als er fünf war. Im Jahr darauf war seine Mutter gestorben und sein Vater begann mit dem Schnapstrinken, für Geschenke war bald kein Geld mehr da. Und hier im Heim gab es nur billige Kleinigkeiten.

Prachtvoll rosa und glitzernd stand das Barbie-Schloss vor Lina. Die kleinen Strasssteine am Puppenbett strahlten mit den Augen der Sechsjährigen um die Wette. Für ein paar Stunden vergaß sie die Schläge und die Erniedrigungen, die ihr über die letzten Jahre angetan wurden.

 

„Hast Du eine Ahnung, woher dieser üppige Sack mit Geschenken kam?“ frage Anke ihre Kollegin. „Nein, auf der Karte stand nur, dass es die Spende anonym bleiben soll. Sicherlich ein reicher Geschäftsmann, der ein paar hundert Tausend für ein Boot ausgegeben hat und nun sein schlechtes Gewissen beruhigen will“, schmunzelte sie. „Aber egal, für die Kinder ist es so ein wunderbares Fest geworden.“

 

Leise schlich sich Robin vom Fenster des Kinderheims weg. Auf dem Weg zu seiner winzigen Wohnung kaufte er sich noch eine Currywurst. Mehr konnte er sich auch am Heiligen Abend nicht leisten.

 

Ein wahrer Freund

 

„Dauert das etwa noch lange?“ keifte Waltraud in schriller Tonlage. „Wie viel Dreck kann so ein Köter schon machen? Du musst mir gleich noch meine Schrundencreme besorgen!“

Seine Frau war noch nie das gewesen, was man als gesund und munter bezeichnete. Seit aber vor drei Jahren bei ihr auch noch Diabetes Typ I diagnostiziert wurde, schien sie das als Freibrief für ihre unausstehlichen Launen zu nutzen. Tagtäglich machte sie Walter das Leben schwer. 'Was hat sie auch immer die Sahnetorten in sich reingestopft', dachte er, während er die braunen Haufen mit der Schippe aufsammelte und zum Kompost brachte. 'Dazu die ganzen Pralinen und zur Verdauung gerne ein Likörchen.'

Nun ja, nichts lag ihm ferner, als einer Kranken auch noch Vorwürfe zu machen. „Ich beeile mich, mein Liebling!“ rief er zum geöffneten Küchenfenster. Dass er damit nicht seine Frau meinte, sondern den braunäugigen Labrador, behielt er für sich.

Der gutmütige Toby war das Beste, was Waltrauds Krankheit mit sich brachte. Weil ihr Blutzuckerspiegel oft dramatischen Schwankungen unterlag, hatte die Krankenkasse ihnen einen ausgebildeten Diabetikerwarnhund genehmigt. Erst hatte Walter ein schlechtes Gewissen, denn die Wartelisten für so einen lebensrettenden Hund waren lang und für den schlechten Zustand seiner Frau machte er eher deren mangelnde Disziplin verantwortlich. Zu oft hatte er die Verpackungen kleiner Tiefkühl-Torten im Müll gefunden und Reste ihres grellroten Lippenstiftes von den Sektgläsern gewischt. Sprach er sie darauf an, musst er sich ihr endloses Gekeife in den schrillsten Tönen über sich ergehen lassen, also ließ er es irgendwann bleiben.

Den Hund aber würde er um nichts in der Welt wieder hergeben wollen. Toby konnte in dem Atem und Schweißgeruch einen zu niedrigen Blutzuckerwert erkennen. Somit ersparte sich das Ehepaar die ständigen Bluttests. Eigentlich sollte das Tier stets an Waltrauds Seite bleiben, um bei einer Unterzuckerung und drohendem hypoglykämischen Schock sofort anzuschlagen. So konnte er ihr das Leben retten. Nur hasste Waltraud Hunde, während Walter in ihm einen wahren Freund gefunden hatte. Die langen Spaziergänge, die sie gemeinsam unternahmen, die ruhige Zwiesprache, in die er und Toby sich oft vertieften und endlich freute sich auch mal jemand, wenn er nach Hause kam.

Von seiner Frau hatte er schon lange kein freundliches Wort mehr gehört. „Jetzt beeil´ Dich gefälligst!“ keifte sie schon wieder. Mit einem Seufzer nahm Walter die Leine in die Hand, pfiff nach Toby und zog die Haustür hinter sich zu. Ein lauter Rums erklang aus dem Haus, gefolgt von leisem Gewimmer. Toby spitzte die Ohren und bellte zwei Mal. „Alles in Ordung, meine Liebe?“ rief Walter durch die geschlossene Haustür. Ein paar Sekunden wartete er ab. Alles war wieder ruhig. Toby und er blickten sich in die Augen. Der Hund schien angestrengt nachzudenken. Dann zog er Walter entschlossen an der Leine in Richtung Gartentor. „Ja, wenn Du meinst....“ brummte der Mann und machte sich langsam auf den Weg zur Apotheke. Bei dem schönen Wetter heute könnte er sich eigentlich im Anschluss noch einen ausgiebigen Spaziergang gönnen.

Tödliches Verlangen

 

Es war eine dieser schwülen Julinächte, in denen die Luft schwer war wie süßes, russisches Parfum. Schon seit einigen Nächten hatte sie ihn durch die Fenster seiner Wohnung beobachtet, doch hinein gewagt hatte sie sich bisher noch nicht. In seinem reetgedeckten Haus in Pelzerhaken konnte man abends, wenn die Badegäste sich in ihre Ferienwohngen zurück gezogen hatten, noch ganz schwach das Wellenrauschen hören.

Heute Abend hatte er endlich die Terrassentür zu seinem Schlafzimmer aufgelassen. Sie wagte sich näher, ganz leise und langsam.

Er war beim Training gewesen, seine Sporttasche stand noch unausgeräumt auf dem hellen Teppich aus edler Seide vor dem Kleiderschrank. Der würzige Duft nach Erde und zertretenem Gras stahl sich aus der Tasche, gemischt mit dem Aroma seiner verschwitzen Kleidung. Sie konnte die feine Note des erhöhten Testosterons wahrnehmen. Fußball war für ihn nicht nur ein Hobby. Seinem ausgeprägtem Ehrgeiz ausgeliefert, kämpfte er auf dem Platz jedes Mal bis zur totalen Erschöpfung.

Er selbst schlief in dem breiten Bett, selbstbewusst nahmen seine ausgestreckten Arme viel Platz auf den kühlen Laken ein. Dichte, dunkle Wimpern warfen kleine Schatten auf sein klassisch geschnittenes Gesicht. Ein weiterer Schatten betonte sein markantes Kinn - sie hatte selbst in den letzten Tagen beobachtet, wie sich bereits vier Stunden nach der Rasur mit Schaum und Klinge wieder die ersten Anzeichen eines Bartes über die samtene, gebräunte Haut zogen.

Wohlwollend ließ sie ihren Blick über die kräftigen, definierten Muskeln seines Oberkörpers schweifen. Ihr Herz klopfte ungestüm und ihr Appetit auf ihn schien sich mit jedem Schlag zu verstärken. Bei dieser Hitze fiel er nach der abendlichen Dusche direkt ins Bett, sein Pyjama lag auf dem Stuhl in der anderen Ecke des Schlafzimmers. Wie gerne hätte sie ihn bereits jetzt schon berührt, vielleicht an dem von der Sonne erblondeten Flaum auf seinen Unterarmen. Oder an der feinen, weichen Linie dunklerer Haare, die sich vom Bauchnabel hinunter bis unter das Laken zog.

Aber sie musste vorsichtig sein, durfte ihn nicht wecken, bevor es soweit war.

Wüsste er, dass sie sich in seinem Schlafzimmer aufhielt, würde er wieder irre wütend werden. Bisher waren ihre kurzen Begegnungen unschön ausgegangen, allein bei ihrem Anblick verengten sich seine tiefblauen Augen zu zornigen Schlitzen. Noch war sie ihm jedes Mal ausgewichen, doch unwiderstehlich zog er sie immer wieder an.

Sein süßer Duft war es, der sie alle Vernunft und Vorsicht vergessen ließ. Noch nie war sie von einem Menschen so betört gewesen, fast schon besessen. Sie konnte kaum noch einen klaren Gedanken fassen, malte sich ständig aus, wie es wäre, ihm ganz nahe zu kommen, seine Haut zu berühren und ihn schließlich - endlich - in sich aufzunehmen.

Gleichmäßig hob und senkte sich sein Brustkorb. Tief und fest schlief er jetzt und sie witterte ihre Chance. Ganz leise näherte sie sich ihm, darauf bedacht, ihn nicht zu wecken. Als sie ihn endlich ganz sanft berührte, erschauerte sie wohlwollend. Ja, seine Haut war tatsächlich so zart, wie sie es sich immer ausgemalt hatte. Langsam wanderte sie abwärts, an die intime Stelle seiner Lenden, wo die Haut besonders dünn und empfindlich war.

Aber sie hatte sich zu weit vor gewagt, plötzlich erwachte er, fuhr hoch und schrie zornig auf. So schnell sie konnte, wich sie vor ihm zurück, doch er war bereits aus dem Bett gesprungen. Sie beeilte sich, die rettende, offene Tür zu erreichen, aber er war schneller. Aus den Augenwinkeln sah sie noch, wie er die Hand hob, dann wurde alles um sie herum schwarz. Mit seinem Schlag hatte er sie genau getroffen, ihr Blut hinterließ einen hässlichen Fleck auf der schroff verputzen Wand. Mit grimmiger Miene drehte er sich um.

„Scheiß´ Mücke“, knurrte er noch, bevor er sich wieder ins Bett legte.

Die Braut 

Es würde die schlimmste Katastrophe ihres Lebens werden. In zwei Tagen wird sie Christoph heiraten, den Mann ihrer Träume. Alles war perfekt geplant, so wie das Brautkleid, das sie gerade für letzte Anpassungen trägt. Auch die Fotos würden perfekt werden, schließlich sind sie ein attraktives Paar. Eva mit ihrem zauberhaften Engelsgesicht und der zierlichen Figur. Und Christoph, der warmherzige Christoph, mit seinen herrlich breiten Schultern und den blitzblauen Augen … Heiß und innig liebt sie ihn. Und doch würde sie ihm so etwas antun, vor seinen Eltern, Geschwistern und den 250 geladenen Gästen, schließlich ist Schwiegervater in spe in der Lokalpolitik ein hohes Tier.

„Ich glaube, jetzt sitzt es“, unterbricht die Schneiderin Evas düstere Zukunftsprognose. „Schauen Sie mal, ist es nicht wunderschön?“

Eva blickt in den üppig verzierten Spiegel. Sie sieht wirklich atemberaubend aus, die schimmernde Seide schmiegt sich um ihren Körper, der raffinierte Ausschnitt zaubert ein verführerisches Dekolleté und der Schleier betont ihre feinen Gesichtszüge mehr, als er sie verdeckt. Jetzt nur ganz ruhig bleiben. ‚Du schaffst das, es ist alles gut’ flüstert sie sich zu. Sie denkt daran, wie sie in diesem Kleid zum Altar schreiten wird und…

„Neiiiin!“, kreischt eine schrille Stimme durch den Laden. „Nein, nein, Neiiiiiin!“

Die Schneiderin weicht erschrocken von ihr zurück, Eva läuft knallrot an. „Tschuldigung, war keine Absicht“, nuschelt sie, während ihr Tränen der Verzweiflung in die Augen steigen. Nie wird sie es schaffen, diese Hochzeit anständig hinter sich zu bringen. Alle werden sie anstarren und sich fremdschämend von ihr abwenden.

Ihre Anfälle begannen nach der Pubertät. Tourette-Syndrom, zwar nur eine leichte Form, aber es reicht, um ihr das Leben schwer zu machen. Immer, wenn sie nervös wird, muss sie zwanghaft „Nein“ schreien - absolut unkontrollierbar, noch dazu in einer Lautstärke, die im Umkreis von 200 Metern nicht zu überhören ist.

Schon bei Christophs Antrag hatte sie ihn furchtbar angeschrieen, „Nein, Nein, Neiiiiiin!“ Aber ihr Seelengefährte kannte sie genau, hatte nur gelächelt und ihr den Ring auf den zitternden Finger gestreift.

Der Gang durch die gut gefüllte Westenseer Sankt Catharinen-Kirche lag jetzt hinter ihr, den ersten Teil des Gottesdienstes hatte Eva eisern schweigend durchgestanden.

„Bitte erhebt Euch“, erklingt die würdevolle Stimme des Pastors. Oh Gott, es ist soweit. Christoph nimmt ihre Hand, blickt ihr tief in die Augen und verspricht sie zu lieben und zu ehren und … Der Rest wird von dem Rauschen in ihrem Kopf übertönt. Jetzt wendet der Pastor sich ihr zu. Übelkeit steigt in ihr auf.

„Willst Du, Eva, den hier anwesenden Christoph jemals verlassen?“

Ungläubig starrt sie ihn an. Hatte sie richtig verstanden…? Da schießt es auch schon aus ihr heraus: „Neeeiiiiin!“ Ihr furchtbarer Schrei hallt durch die Kirche, bricht sich und das Echo erreicht den letzten Winkel. Ungläubig sieht sie Christoph an.

„Gut“, schmunzelt der Pastor. „Willst Du von Gottes Willen abweichen, Deinem Mann treu zu sein, ihn zu achten und zu lieben, in guten wie in schlechten Zeiten?" „Neiiin, neiin, nein!“ Allmählich versteht Eva, Erleichterung breitet sich in ihr aus. Der Rest der Zeremonie verläuft wie am Schnürchen.

Später, bei dem großen Fest im Felder Seegarten, schleichen sich Eva und Christoph auf die Terrasse. Die Sterne spiegeln sich funkelnd auf dem See, gedämpft dringt die Musik aus dem Festsaal zu ihnen. Eva schmiegt sich erschöpft in Christophs Arme. „Und“, flüstert er ihr ins Ohr, „bist Du glücklich?“ „Ja“, sagt sie endlich. „Ja.“

 

 

 

Die Braut

erschienen in Lebensart 5/12

Einladung zum Tee

(erschienen in Lebensart 6/12) 

 

Vorsichtig gießt Heide das kochende Wasser in die Kanne. Höchstens eine halbe Stunde noch, dann ist ihr Problem ein für alle Mal gelöst. Diese dumme Person! Iris heißt sie und Leute mit oberflächlichem Geschmack würden sie wohl als hübsch und entzückend beschreiben. ‚Mich kann sie aber nicht täuschen’ denkt Heide. ‚Dieses falsche Weibsstück will mir offensichtlich meinen Sohn stehlen.’

Ihr Leben hatte Heide ganz ihrem Jan gewidmet. Sie hatte ja auch keine andere Wahl gehabt. Vor dreißig Jahren waren berufstätige Mütter noch die Ausnahme, vor allem unter Wissenschaftlern. Dabei hatte die Heide einen glänzenden Karrierestart hingelegt. Das Studium und die Doktorarbeit hatte sie in Rekordzeit mit summa cum laude abgeschlossen. Anschließend konnte sie sich vor Forschungsaufträgen und Stipendien kaum retten. Als Expertin für Amphibien bereiste sie damals die ganze Welt, den südamerikanischen Regenwald, das Amazonasbecken, asiatische Tropengebiete.

Auf so einer Reise lernte sie Jürgen kennen, einen ebenso charmanten Mann wie brillanten Wissenschaftler - für Heide eine unwiderstehliche Kombination. Er entfachte eine Leidenschaft in ihr, die sie sonst nur ihrer Arbeit mit Fröschen und Lurchen widmete.

Erst nachdem Jürgen ihr das Herz gebrochen und seinen Charme auf anderen Kontinenten versprüht hatte, erfuhr Heide von der Schwangerschaft. Ein Kind passte natürlich nicht in ihren ehrgeizigen Karriereplan. Der Termin in der Klinik stand schon fest, als eine Welle von Muttergefühlen sie überrollte. Plötzlich konnte sie gar nicht anders, als dieses zarte Leben in ihrem Bauch wie eine Löwin zu beschützen. Also beendete sie ihre kurze Karriere und machte ihren Sohn zum Mittelpunkt ihres Lebens.

Alles war einfach wunderbar, bis diese Iris auftauchte. Plötzlich hatte Jan kaum noch Zeit für seine Mutter. Die Mittagspausen verbrachte er nun mit seiner Freundin in netten Restaurants, anstatt es sich wie sonst in Heides Küche gemütlich zu machen. Sonntags war jetzt Pärchentag und im Urlaub waren er und Iris auch schon zusammen.

Und wie dieses Weibsbild sich bei Besuchen immer aufführte! Versuchte sich einzuschleimen, wo sie nur konnte. Sogar den Tee schenkte sie immer für alle ein, als wäre sie bereits die Hausherrin. Aber heute würde sie das zum letzten Mal tun.

Heide hatte einem früheren Kollegen einen Besuch abgestattet. Er forschte an Pfeilgiftfröschen. Diese faszinierenden Tiere sondern über ihre Haut ein hochwirksames Nervengift ab. Gerät es durch die Hautporen in den Blutkreislauf, treten Muskel- und Atemlähmungen auf, die beim Menschen nach etwa 20 Minuten zum Tod führen.

Sorgfältig streicht Heide dieses Gift auf den Griff der Teekanne. Sobald Iris sie hoch nimmt, wird das Gift in ihre Körperzellen gelangen. ‚Und dann habe ich endlich wieder meinen Sohn für mich ganz alleine’, freut sich Heide.

Vorsichtig, mit Ofenhandschuhen trägt Heide die Kanne ins Wohnzimmer, wo Jan und Iris schon an dem gedeckten Tisch sitzen. Nach ein paar Höflichkeitsfloskeln wendet sich Heide an Iris: „Lasst uns doch anfangen“ sagt sie freundlich. „Ihr seid sicher durstig.“. Die Ahnungslose greift bereits nach der Kanne, da springt Jan dazwischen. „Lass´ mich das mal machen“, sagt er, ergreift die Kanne und hält sie über die Tasse seiner Mutter. „Weißt Du, Mama, Iris soll sich schonen“, erklärt er freudestrahlend. „Sie ist nämlich schwanger!“